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"Gott erlöst die Gläubigen nun auch im Internet" (Tagesanzeiger) Drucken

Publiziert im Tagesanzeiger am 11. Januar 2009

Gott erlöst die Gläubigen nun auch im Internet

von Hugo Stamm


Der freikirchliche Pastor Erich Engler aus Hombrechtikon predigt täglich über das Internet. Seine Heilsversprechen werden von immer mehr Gläubigen heruntergeladen.

«Ein Klick in meinem Herzen veränderte mein Leben radikal», erzählt Pastor Erich Engler. In diesem «Klick», das er akustisch hörte, offenbarte sich ihm Gott. «Es war ein überwältigendes, übernatürliches Erlebnis», berichtet Engler, «ich wusste sofort, dass ich mein Leben Jesus übergeben muss.»

Das war 1991 in Montréal. Der Bülacher Eishockeyfan Engler besuchte damals Spiele des Canada-Cups. Er ging nach dem Erweckungserlebnis in die Knie und vollzog das Initiationsritual: «Jesus, komm in mein Herz», betete er inbrünstig, «Herr, vergib mir meine Sünden.» Engler strahlt beim Erzählen, als komme Jesus erneut über ihn. «Die Liebe Gottes floss in mich hinein wie warmes Öl.» Ihm war augenblicklich klar, dass er ein vollberuflicher Diener Gottes werden musste. In den USA, dem Mekka der Freikirchen, absolvierte er einen zweijährigen Kurs.

Seither hat der stattliche Pastor mit dem Dreitagebart das Wort Gottes tausendfach verkündet. Im Jahr 2000 gründete er die Familienkirche in Rapperswil, vor gut einem Jahr die Internetkirche. Dieses anonyme Medium erlaubt es dem mit grosser Lust predigenden Engler, sich jeden Tag an seine wachsende Fangemeinde in aller Welt zu wenden. Seine Predigten werden monatlich bereits 28'000-mal heruntergeladen.

Medialer Superstar

Heute ist Engler der mediale Superstar der freikirchlichen Szene. Darauf angesprochen, wird er leicht verlegen. «Ich nehme das nicht wahr, ich sehe meine Zuschauer ja nicht.» Doch die überschwänglichen Dankesschreiben bestätigen, dass viele in ihm einen Heilsbringer erkennen.

Engler ist ein religiöser Enthusiast und Selfmademan. Ohne professionelle Kenntnisse richtete er das Studio zu Hause ein und nimmt die täglichen Andachten allein auf, ausgerüstet mit einer Fernbedienung. Der Erfolg ist für ihn heute noch ein Traum.

Seit seiner Erweckung hat sich Englers Welt radikal verändert. Wer sich als wiedergeborener Christ – im Gegensatz zu «lauwarmen Protestanten» – Gott verschreibt, wird von ihm durch alle Stürme des Lebens geführt, predigt Engler und verspricht Errettung, Wohlstand und Heilung – auch von körperlichen Gebresten.

Ein Leben im Jammertal, demütig eingehüllt in Sack und Asche, ist für ihn das Evangelium von gestern. Der neue Gott der Freikirchen ist ein freudiger Gott, der seine Schäfchen reich belohnt für ihre guten Taten, erklärt Engler. Kein Wunder, laden immer mehr Gläubige aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus Übersee, seine salbungsvollen Worte herunter.

Engler hat für sein Weltbild eine Formel von amerikanischen Freikirchen übernommen: KIS, keep it simple, halte es einfach: «Wenn Gott ein guter Gott ist, so will er, dass es mir gut geht, auch körperlich und finanziell», sagt der Prediger. Und wie erklärt er sich das Elend in der Welt, die verhungernden Kinder, die Kriegsopfer? Belohnt Gott nur die wahren Christen und lässt die muslimischen Kinder im Bombenhagel von Gaza sterben? «Ich gebe offen zu, dass ich auch nicht alle Fragen beantworten kann», gesteht Engler. Trotzdem glaubt er an den Slogan seiner Familienkirche: «Errettung und Glauben beinhalten Wohlstand, Heilung und ein langes Leben mit dem Heiligen Vater.»

Finanzbotschaften, die wirken

Bemerkenswert sind auch seine «Finanzbotschaften», in denen er Reichtum verspricht. Engler erklärt es so: «Wenn Du Dich Kind Gottes nennst, kannst Du erwarten, dass Gott Dich leitet. Das bedeutet Zunahme in allen Bereichen, auch den finanziellen.» Einem Gläubigen scheinen die Finanzbotschaften sofort geholfen zu haben, wie er Engler schreibt: «Ich bin süchtig geworden nach Gottes Wort.» Die Kunden kämen nun von allein zu ihm. «Das ist ein Wunder.» Ein anderer berichtet, er habe schon am ersten Tag Aufträge für über 100'000 Franken erhalten. Engler sieht darin kein selbstsüchtiges Verhalten, sondern erklärt, dass es Geld brauche, um gute Werke zu tun.

«Von Multipler Sklerose geheilt»

Noch mehr elektrisiert die Heilungsschule des Pastors die Gläubigen. «Wenn ich erkläre, Gott sei gut, muss ich auch die Heilung predigen», sagt Engler. Er glaubt, dass Gott die Gläubigen von allen Krankheiten heilt. Auf den Vorhalt, es sei nicht bekannt, dass Mitglieder von Freikirchen weniger häufig von Krebs oder andern schweren Krankheiten befallen würden, weiss er keine Antwort. Vielmehr verweist er auf die Schreiben seiner Gläubigen, die Zeugnisse ihrer Heilung ablegen würden.

So berichtet ein Gläubiger mit Multipler Sklerose, er könne nach einer Heilungspredigt wieder gehen und brauche den Rollstuhl nicht mehr. Ein anderer, der an einer Herzmuskelentzündung leidet, setzte im Glauben an seine Heilung die Medikamente ab. «Die Depression ist weg. Yippeah!», schreibt eine Frau.

Die Liste solcher Berichte auf der Homepage ist lang. Man erfährt aber nicht, ob die «Heilung» lediglich ein euphorischer Schub war, der die Krankheitssymptome kurzfristig überdeckt hat. Kritik am Wohlstandsevangelium und den Heilversprechen kommt auch aus den eigenen Reihen: «Für mich ist Engler leider ein totaler Irreführer... schade. Wieder ein Prediger, der mehr kaputt macht, als für das einzig wahre Evangelium einzustehen», schreibt ein Gläubiger im Bibelkreis-Forum.

 
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